Wenn Plastik zum Meer strudelt

Rund acht Millionen Tonnen Plastikmüll landen jedes Jahr in den Weltmeeren. Die global weiter ansteigende Kunststoffproduktion ist damit eines der großen Umweltprobleme: Das Meer wird zur Plastikdeponie, die Tierwelt leidet.

Die Bilanz der „Plastikpiraten“ ist erschreckend: Jede Menge Kunststofftüten und -verpackungen, Kunststoff-Flaschen und Zigarettenstummel fanden die Jugendlichen bei ihrer Umwelt-Aktion an den Ufern von Bächen und Flüssen. Aber auch Glasscherben, verrottete Speisereste, benutzte Hygieneartikel und scharfe Metallstücke, dazu alte Fahrräder und Fernseher, auch einen bemoosten Gartenzwerg.

Eine Idee davon, wie lange der von Zeitgenossen achtlos weggeworfene Müll die Umwelt belastet, vermittelte eine alte „Capri-Sonne“-Tüte. Das aufgedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum zeigte, dass die Getränkeverpackung über 20 Jahre alt war – und damit älter als ihr Finder.

Die jungen „Piraten“ leisteten ganze Arbeit. Insgesamt 349 Schulklassen und Jugendgruppen erhoben in den letzten zwei Jahren Daten zur Belastung der deutschen Flüsse und Bäche mit Kunststoff und anderem Müll. Kürzlich wurde die Aktion ausgewertet, die vom Bundesforschungsministerium für das „Wissenschaftsjahr Meere und Ozeane“ gestartet worden war.

Das Ergebnis laut der „Forschungswerkstatt“ der Universität Kiel: Die Jugendlichen fanden an den Bach- und Flussufern mehr Abfall als erwartet – darunter vor allem besagte Plastikverpackungen und Zigarettenreste, Ex-und-hopp-entsorgt. Und das in dem Land, das den „Grünen Punkt“ erfunden hat und viel auf sein grünes Saubermann-Image gibt.

An allen Bächen und Flüssen Plastik gefunden

„Plastikpiraten – das Meer beginnt hier!“ So hieß die ungewöhnliche „Citizen Science“-Aktion, die Nicht-Wissenschaftler für Umweltprobleme sensibilisieren sollte. Tatsächlich gibt es laut Forschungsministerium in Deutschland bisher erst wenige Untersuchungen über die Vermüllung der Bäche und Flüsse, obwohl der Großteil der Belastung der Ozeane weltweit genau auf diesem Weg entsteht: Weggeworfene oder – vor allem in Entwicklungsländern – von ungesicherten Müllkippen weggewehte Plastikteile gelangen in die Gewässer und von diesen in die Weltmeere, wo sich gigantische Müllstrudel gebildet haben. Nur schätzungsweise 20 Prozent des in den Ozeanen schwimmenden Mülls stammen aus der Schifffahrt.

Die jugendlichen Piraten-Forscher fanden praktisch an allen untersuchten Bächen und Flüssen Abfall, im Schnitt 0,66 Müllteile pro Quadratmeter Ufer; umgerechnet auf die Fläche eines Klassenzimmers von 50 Quadratmetern sind das 33 Teile. Dabei waren die Ufer der großen Flusssysteme Rhein und Elbe überdurchschnittlich verschmutzt. An einem Rhein-Nebenfluss fanden die Plastikpiraten sogar bis zu 24 Teile pro Quadratmeter. Die Ufer des Weser-Flusssystems und die Zuflüsse zur Ostsee hingegen waren vergleichsweise sauber.

In anderen Erdteilen freilich ist die Lage noch weit dramatischer als in Deutschland oder anderswo in Europa. Rund 90 Prozent des von Land stammenden Plastikabfalls in den Weltmeeren werden von nur zehn große Flüssen „angeliefert“, wie Experten des Leipziger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in einer Studie ermittelten, die im Herbst erschien. Die Gesamtmenge der in die Ozeane entsorgten Kunststoff-Frachten schätzt die UN-Umweltorganisation Unep in Nairobi auf fünf bis 13 Millionen Tonnen jährlich.

Hotspot Asien

Asien ist dabei der absolute Hotspot. Acht der zehn Flüsse befinden sich dort: Amur, Hai He, Jangtsekiang, Gelber Fluss, Perlfluss, Ganges und Indus sowie Mekong. Vor allem China, Indien, Vietnam und Thailand gelten als Plastiksünder. Die beiden restlichen Flüsse sind in Afrika: Nil und Niger. Gemeinsam ist all diesen Strömen: Sie sind sehr lang, an ihren Ufern liegen Megacitys mit insgesamt hunderten Millionen Einwohnern, und das Abfall-Management in den jeweiligen Ländern ist mangelhaft.

Als größte Einzelquelle für das Meeresplastik haben die Leipziger Wissenschaftler den Jangtsekiang in China ausgemacht, der bei der 20-Millionen-Einwohner-Metropole Shanghai ins Ostchinesische Meer fließt. Er alleine transportiert pro Jahr eine Kunststoff-Fracht von bis zu 1,5 Millionen Tonnen. Zum Vergleich: Beim Rhein, Deutschlands größtem Fluss, sind es nach den UFZ-Zahlen maximal 580 Tonnen.

Britische Forscher von der Universität Exeter kamen zu ähnlichen, wenn auch nicht ganz so dramatischen Ergebnissen. Sie schätzen, dass 20 Flüsse weltweit für den Großteil des Plastikmülls im Meere verantwortlich sind.

„Wenn es in Zukunft gelingt, den Plastikeintrag aus den Einzugsgebieten der zehn Flüsse zu halbieren, wäre schon sehr viel erreicht“, sagt UFZ-Experte Christian Schmidt, Koautor der Studie. Um das zu schaffen, gebe es vor allem zwei Ansatzpunkte. So müsse erstens das Abfallmanagement in den jeweiligen Ländern verbessert werden – durch ein funktionierendes Sammel- und Recyclingsystem. „Das ist machbar, in den Industrieländern ist das Standard.“

Erkenntnis und Bewusstsein

In weiteren Studien wollen die Leipziger Gewässerexperten herausfinden, wie lange Plastikmüll, der in einen Fluss gelangt ist, braucht, bis er im Meer ankommt. Dauert es nur wenige Monate oder Jahrzehnte? Es sei wichtig, das zu wissen, um abschätzen zu können, wie schnell eine bessere Abfallpolitik wirken kann. Möglicherweise werden nämlich erst noch viele Altlasten ins Meer gespült, bevor die Plastikfrachten abnehmen.

Zweitens, meint Schmidt, müsse das Bewusstsein der Bevölkerung geschärft werden, um die Einwegnutzung von Plastik zurückzudrängen und klar zu machen, dass nicht mehr gebrauchte Tüten und Flaschen nicht einfach in die Landschaft geschmissen werden dürfen.